50 Jahre Hausbesetzung: Der Staatsfunk verklärt, was er einst „antikapitalistisch" nannte
Der zwangsfinanzierte Sender feiert ein Jubiläum: „50 Jahre Arena: Eine Besetzung verändert Wien". 1976 weigerte sich das Publikum nach dem letzten Konzert zu gehen und besetzte den zum Abriss freigegebenen Auslandsschlachthof St. Marx — eine „Stadt in der Stadt" mit Gratiskonzerten, mehr als 200.000 Besuchern, Auftritten von Wolfgang Ambros bis Leonard Cohen. Das ist ein realer, erzählenswerter Teil der Wiener Kulturgeschichte. Über die Tonlage lässt sich trotzdem reden.
Die Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann nennt die Besetzung im ORF-Gespräch „ein antikapitalistisches Unternehmen — eine Antithese zur Wohlstandsgesellschaft". Und über die Stadt drumherum sagt sie wörtlich: „Wien war eine graue Nazi-Stadt — eigentlich immer noch." Der Sender stellt den Satz unkommentiert in den Fließtext. Eine pauschale Gegenwarts-Beschimpfung der eigenen Stadt als „Nazi-Stadt" — bei einer beliebigen anderen politischen Richtung wäre das die Schlagzeile, hier ist es Atmosphäre.
Auch das Geld läuft mit. Als 2024 die neuen Anrainer im Wohnkomplex „The Marks" über den Lärm klagten und eine bauliche Lösung am Denkmalschutz scheiterte, förderte die Stadt Wien eine neue Beschallungsanlage mit 600.000 Euro. Das autonome, „basisdemokratische" Projekt und die öffentliche Hand — der Bericht erzählt das als harmonische Selbstverständlichkeit, garniert mit dem Motto „Love Music, Hate Fascism".
Niemandem ist die Arena zu nehmen, und gute Musik ist gute Musik. Es geht um den Reflex des Senders, eine linke Hausbesetzung lückenlos als Heldengeschichte zu erzählen — inklusive durchgereichter Parolen und einer stehengelassenen „Nazi-Stadt".
Quelle: orf.at/stories/3434160 (50 Jahre Arena, ORF Kultur, 28. 6. 2026) · alle Zitate (Beckermann u. a.) und die 600.000-Euro-Förderung laut derselben Meldung · Satire/Parodie · nicht mit dem ORF verbunden
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